01.06.2022 | DNK-Meldung

Interview mit Prof. Dr. Alexander Bassen zu den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und seiner Rolle als EFRAG-Mitglied



Im Rahmen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) hat die EU-Kommission die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) damit beauftragt, Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erarbeiten. Die ESRS wurden in einer ersten Entwurfsfassung Ende April veröffentlicht und sind nun zur öffentlichen Konsultation freigegeben. Bis zum 8. August 2022 sind Stellungnahmen über einen Online-Fragebogen oder mithilfe eines hochladbaren Dokuments möglich. Prof. Dr. Alexander Bassen (Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung) war als Mitglied der EFRAG Project Task Force an der Entwicklung des EU-Standards beteiligt.


Welche Rolle haben Sie als Mitglied der EFRAG bei der Entwicklung der Standards eingenommen?

In der Project Task Force von EFRAG ging es darum, konkrete Standards für die Umsetzung der CSRD zu erarbeiten. Innerhalb der Task Force wurden mehrere thematische Cluster gebildet: Während einige Cluster an themenbezogene Standards, etwa zur Ressourcennutzung, zu Biodiversität oder zu Menschenrechten, gearbeitet haben, hat das Cluster, in dem ich mitgewirkt habe, solche Standards entwickelt, die übergreifend für alle anderen Aspekte relevant sind. Wir haben also beispielsweise Standards für Fragen der Corporate Governance, für Fragen der doppelten Wesentlichkeit oder zur allgemeinen Beschreibung von Strategien und Zielen entwickelt.

Was ist Ihre persönliche Meinung zu den jetzt veröffentlichten Entwürfen und dem Prozess der Standardentwicklung? Wo sehen Sie Verbesserungspotenziale?

Wenn man bedenkt, dass die Standards innerhalb von 10 Monaten erarbeiteten wurden, ist das ein gelungener Kraftakt. Es werden alle Bereiche der Nachhaltigkeit in einem hohen Detailierungsgrad abgedeckt. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die Kolleg*innen von der Global Reporting Initiative (GRI) zentral an der Standardentwicklung mitgewirkt haben. So konnte eine grundsätzliche Kohärenz zwischen GRI und den europäischen Standards von Beginn an mitgedacht werden.
Verbesserungspotenziale sehe ich hinsichtlich der hohen Granularität der Standards. Die veröffentlichten Entwürfe stellen im Vergleich zu den vorherigen Arbeitspapieren bereits eine vereinfachte, weniger detaillierte und somit nutzungsfreundlichere Version dar. Dennoch sind die Standards nach wie vor sehr umfangreich – hier muss nachgebessert werden, damit die Standards letztendlich praktikabel von den Unternehmen angewendet werden können. Insbesondere ist zu klären, ob wirklich alle Standards sektorübergreifend sind oder ob nicht eine sektorspezifische Anpassung sinnvoller ist. Auch die Abgrenzung zu den weiteren Standards der IFRS Foundation und der US Börsenaufsicht SEC ist zu klären.

Welche Chancen eröffnen sich durch die neuen European Sustainability Reporting Standards?

Durch die neuen ESRS wurden erstmals klare Standards auf EU-Ebene definiert, die genau vorgeben, welche Informationen zu Nachhaltigkeitsaspekten wie berichten werden müssen. Sie stellen ein klares Regel- und Rahmenwerk für die Berichterstattung zu Nachhaltigkeitsaspekten dar und können dabei helfen, Finanzmittel in nachhaltige Investments umzuleiten und Prioritäten im politischen Handeln zu setzen. Das schafft für Unternehmen, Investor*innen, Kund*innen und andere Stakeholder mehr Transparenz und Sicherheit.

Wie werden die eingereichten Stellungnahmen zu den Entwürfen im Entwicklungsprozess berücksichtigt?

Seit dem 29. April sind die ESRS-Entwürfe zur Konsultation freigegeben – alle Stakeholder sind daher herzlich dazu aufgerufen, bis zum 08. August an der entsprechenden Online-Umfrage teilzunehmen. Alle Beiträge dieser öffentlichen Konsultation werden schließlich gesichtet, ausgewertet und bei der Erstellung des finalen Entwurfes der ESRS berücksichtigt.

Wie sieht der weitere Prozess nach der Konsultationsfrist am 8. August aus?

Nach Ablauf der Konsultationsfrist werden das EFRAG Sustainability Reporting Board (SRB) sowie die EFRAG Sustainability Reporting Technical Expert Group (SR TEG) einen finalen Entwurf der ESRS erstellen. Dieser soll der EU-Kommission bis zum November 2022 vorgelegt werden, damit die Standards schließlich als entsprechende delegierte Rechtsakte erlassen werden können. Bezüglich der CSRD selbst befinden sich die EU-Kommission, der Europäische Rat sowie das EU-Parlament aktuell noch in Verhandlung über die konkrete Ausgestaltung der Richtlinie. Es wird angestrebt, die CSRD noch im aktuellen Jahr zu verabschieden. Der Europäische Rat hat vorgeschlagen, dass die Mitgliedsstaaten ab Verabschiedung der CSRD insgesamt 18 Monate Zeit haben, um die Richtlinie in nationales Recht zu überführen. Voraussichtlich ab 2025 sollen schließlich die ersten Unternehmen nach den neuen Nachhaltigkeitsstandards berichten müssen – 2026 und 2027 soll der Kreis der berichtspflichten Unternehmen dann sukzessiv ausgeweitet werden. Die EU-Kommission hingegen spricht sich für einen strafferen Zeitplan aus, laut dem bereits ab 2024 die ersten Unternehmen nach der CSRD berichten müssen.