16.02.2022 | DNK-Meldung

Gastbeitrag: Die EU-Taxonomie und ihre Bedeutung für nicht-berichtspflichtige KMU

Strukturelle Benachteiligung bei der Vergabe grüner Mittelstandskredite?

Ein Beitrag von Volker Hartke (Genossenschaftsverband - Verband der Regionen e.V.)


Bildquelle: Volker Hartke

Die EU Taxonomieverordnung fordert von Kreditinstituten zukünftig eine Offenlegung der sog. Green Asset Ratio (GAR). Dabei sollen für die Berechnung der GAR nur Angaben von berichtspflichtigen Unternehmen einbezogen werden – der Einbezug grüner Kredite an nicht-berichtspflichte KMU ist in den Pflichtangaben aktuell nicht vorgesehen. Ohne diese Einbeziehung bleibt vorhandenes Wissen über positive ökologische Leistungen des europäischen Mittelstandes aber verborgen. Berichtspflichtigen Mittelstandsfinanzierern kann dadurch ein struktureller Nachteil im Vergleich zu Kreditinstituten entstehen, die vor allem berichtspflichtige kapitalmarktorientierte Unternehmen finanzieren.

Am 1. Januar 2022 ist die EU-Taxonomie in Kraft getreten. Mit diesem Klassifikationssystem sollen Wirtschaftstätigkeiten in ökologisch nachhaltig oder nicht ökologisch nachhaltig eingeteilt werden. Die Klassifikation soll für die sechs europäischen Umweltziele erfolgen:
  1. Klimaschutz
  2. Anpassung an den Klimawandel
  3. Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  6. Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

Wann ist eine Wirtschaftstätigkeit ökologisch nachhaltig?

Damit eine Wirtschaftstätigkeit ökologisch nachhaltig ist, muss diese einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung eines oder mehrerer der sechs Umweltziele leisten und darf keines der verbleibenden Umweltziele erheblich beeinträchtigen. Zudem müssen soziale Mindeststandards, wie die Einhaltung der Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte eingehalten werden.
Wann eine Wirtschaftstätigkeit einen wesentlichen Beitrag leistet, wird ab dem 1. Januar 2022 zunächst für die Umweltziele Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel in der delegierten Verordnung (EU) 2021/2139) geregelt. Ab dem 1. Januar 2023 sollen dann Bewertungskriterien für die vier weiteren Umweltziele folgen.

Warum bedarf es der Einstufung?

Die Einstufung der Wirtschaftstätigkeiten ist kein Selbstzweck. Zum einen ist die Taxonomie relevant für entsprechende Finanzprodukte und zum anderen sollen CSR-berichterstattungspflichtige Unternehmen, Banken und Versicherungen die Taxonomie bei ihrer Berichterstattung berücksichtigen. Hiermit soll transparent werden, wie und in welchem Umfang die Tätigkeiten des Berichterstatters mit Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind, die als ökologisch nachhaltig eingestuft werden können.
Die konkreten Regelungen für die zusätzliche Berichterstattung sind in einem weiteren delegierten Rechtsakt (Delegierte Verordnung (EU) 2021/2178) geregelt, der mit der Taxonomieverordnung und dem delegierten Rechtsakt zu den Umweltzielen 1 und 2 ebenfalls am 1. Januar 2022 in Kraft getreten ist. 

Wie soll die Berichterstattung erfolgen?

Erste Angaben haben in diesjährigen CSR-Berichten seitens berichtspflichtiger finanz- und realwirtschaftlicher Unternehmen hinsichtlich der Taxonomiefähigkeit zu erfolgen. Ab dem 1. Januar 2023 sind dann realwirtschaftliche Unternehmen zusätzlich dazu verpflichtet, den Anteil ihrer „grünen“ Umsatzerlöse, „grünen“ Investitionen (CapEx) und „grünen“ Betriebsausgaben (OpEx) offenzulegen. Betroffene Banken sollen ab dem 1. Januar 2024 u.a. eine „Green Asset Ratio“ (GAR) offenlegen. Neben einer Gesamt-GAR umfasst dies folgende GARs:

  1. Gesamt-GAR für Finanzierungstätigkeiten gegenüber Finanzunternehmen für alle Umweltziele.
  2. Gesamt-GAR für Finanzierungstätigkeiten gegenüber Nicht-Finanzunternehmen für alle Umweltziele.
  3. GAR für Wohnimmobilienkredite, einschließlich Gebäudesanierungskredite für den Klimaschutz.
  4. GAR für Kfz-Kredite an Privatkunden mit dem Ziel des Klimaschutzes.
  5. GAR für Kredite an lokale Gebietskörperschaften zur Wohnungsbaufinanzierung und andere Spezialfinanzierungen.
  6. GAR für zur Veräußerung gehaltene, wieder in Besitz genommene gewerbliche und private Immobiliensicherheiten.

Insbesondere die Gesamt-GAR für Finanzierungstätigkeiten gegenüber Nicht-Finanzunternehmen birgt Herausforderungen. Während auch Kredite gegenüber nicht CSR-berichtspflichtigen Unternehmen im Nenner einbezogen werden müssen, dürfen im Zähler nur grüne Kredite an CSR-berichtspflichtige Unternehmen enthalten sein.

Was sind die Folgen für Kredite an nichtberichtspflichtige Unternehmen?

Im Ergebnis bleiben grüne Kredite an nichtberichtspflichtige Unternehmen grundsätzlich unbeachtet. Der am 2. Februar 2022 veröffentlichte Entwurf unverbindlicher FAQs der EU-Kommission bestätigen in Nummer 31 dies grundsätzlich. Eine Ausnahme besteht darin, dass, anders als im zu verwendenden Template vorgegeben, grüne Schuldverschreibungen von nichtberichtspflichtigen Unternehmen in der Pflichtberichterstattung berücksichtigt werden dürfen. Zusätzlich dürfen grüne Kredite an nichtberichtspflichtige Unternehmen in einer freiwilligen zusätzlichen Angabe berücksichtigt werden. Freiwillige Angaben dürfen die Pflichtangabe indes nicht beeinträchtigen oder in ihrer Prominenz verdrängen.

Eine Einbeziehung von grünen Krediten an nichtberichtspflichtigen Unternehmen in den Zähler der Pflicht-GAR will die EU-Kommission gemäß Artikel 9 des delegierten Rechtsaktes bis zum 30. Juni 2024 prüfen. Bis dahin wird eine Einbeziehung grüner Kredite an nichtberichtspflichtige Unternehmen in die Pflicht-GAR nicht möglich sein. 

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Eine Lösung für die Benachteiligung von Finanzierungen an nichtberichtspflichtige Unternehmen wäre, die Einbeziehung dieser grünen Kredite in den Zähler der Pflicht-GAR zuzulassen, sofern den Kreditinstituten die relevanten Informationen vorliegen. Ohne diese Einbeziehung bleibt vorhandenes Wissen über positive ökologische Leistungen des europäischen Mittelstandes verborgen. Dadurch entstehen berichtspflichtigen Mittelstandsfinanzierern ein struktureller Nachteil im Vergleich zu Kreditinstituten, die vor allem berichtspflichtige kapitalmarktorientierte Unternehmen finanzieren. 

Eine vollständige CSR-Berichtspflicht für kleinere und mittlere Unternehmen hingegen dürfte, wie die EU-Kommission zutreffend in den Erwägungsgründen zum Entwurf der neuen CSR-Richtlinie feststellt, eine Überforderung darstellen und ist im Hinblick auf die mittelständische Wirtschaft kritisch zu hinterfragen.

Bitte beachten Sie diese Problematik bei der Beurteilung der entsprechenden Angaben von Kreditinstituten nach Artikel 8 TaxonomieVO.